KIProf. Dr. SchanbacherKI für den Mittelstand
KI im Unternehmen

Modul 3 von 4

Strategie & Umsetzung: Buy vs. Build & ROI

Zwei Entscheidungen prägen jedes KI-Vorhaben wirtschaftlich: Kaufe ich ein fertiges Werkzeug oder baue ich selbst – und lohnt sich das überhaupt? Dieses Modul gibt Ihnen klare Kriterien und eine belastbare ROI-Logik.

Buy vs. Build – die Grundentscheidung

„Buy“ bedeutet, ein fertiges Produkt zu nutzen (z. B. ChatGPT Enterprise, Microsoft 365 Copilot, ein KI-Feature im bestehenden CRM oder Automatisierung über Zapier/Make). „Build“ bedeutet, eine eigene Lösung zu entwickeln – etwa einen auf Ihre Dokumente spezialisierten Assistenten.

Für die große Mehrheit der Standardaufgaben gilt: erst Buy. Fertige Tools sind sofort verfügbar, günstig im Einstieg, werden gewartet und entwickeln sich weiter. Eigenentwicklung lohnt erst, wenn ein Prozess hochspezifisch ist, einen echten Wettbewerbsvorteil schafft, tief in eigene Systeme integriert werden muss oder besondere Datenschutz-/Geheimhaltungsanforderungen hat.

Buy fertiges Tool kaufen / abonnieren Sofort verfügbar Geringe Einstiegskosten Wartung & Updates inklusive Ideal für Standardaufgaben Build eigene Lösung entwickeln Hochspezifischer Prozess Echter Wettbewerbsvorteil Tiefe System-Integration nötig Höchste Datenschutz-Anforderung vs
Faustregel: Für Standardaufgaben „Buy“, „Build“ nur bei spezifischen, differenzierenden Prozessen.

Ein Mittelweg: Standard-Modelle mit eigenen Daten

Zwischen reinem Kaufen und vollem Eigenbau liegt der heute häufigste Weg: Sie nutzen ein leistungsfähiges Standardmodell, reichern es aber mit Ihren eigenen Dokumenten an (oft „RAG“ – Retrieval-Augmented Generation genannt). So beantwortet die KI Fragen auf Basis Ihres Wissens, ohne dass Sie ein Modell von Grund auf trainieren müssen. Das verbindet schnelle Verfügbarkeit mit unternehmensspezifischer Relevanz.

Beispiel: Wissensassistent für die Technik-Hotline

Ein Maschinenbauer verbindet ein Standard-LLM mit seinen Handbüchern und Wartungsprotokollen. Servicetechniker fragen in natürlicher Sprache („Fehlercode E45 an Anlage Typ 3?“) und erhalten die passende Stelle aus der eigenen Doku. Kein Eigenbau eines Modells, aber maßgeschneiderte Antworten – in wenigen Wochen statt Monaten.

ROI richtig rechnen

Der Return on Investment ergibt sich aus dem Nutzen gegenüber dem Aufwand. Der Nutzen umfasst eingesparte Arbeitszeit (Stunden × interner Stundensatz), vermiedene Fehler und Folgekosten sowie zusätzlichen Umsatz (z. B. schnellere Angebote, höhere Abschlussquote). Der Aufwand umfasst Lizenz-/Nutzungskosten, Einführungs- und Schulungsaufwand sowie laufende Pflege.

Bewährtes Vorgehen: klein als Pilot in einem Bereich starten, die Wirkung über einige Wochen messen (vorher/nachher), dann erst skalieren. So investieren Sie erst groß, wenn die Zahlen stimmen. Das interaktive KI-Assessment auf dieser Website liefert dafür eine erste, transparente Schätzung.

Total Cost of Ownership (TCO): die versteckten Betriebskosten von RAG

Gerade bei selbst betriebenen RAG-Systemen (Standardmodell plus eigene Dokumente) liegt der wahre Aufwand nicht im Aufbau, sondern im laufenden Betrieb. Wer nur die Lizenz- oder Projektkosten im Blick hat, unterschätzt die Total Cost of Ownership erheblich – RAG ist im Betrieb oft teurer und wartungsintensiver, als es anfangs wirkt. In die Gesamtkostenrechnung gehören daher:

  • API-/Token-Kosten: Jede Anfrage und jede Antwort wird nach Textmenge (Tokens) abgerechnet – bei vielen Nutzern und langen Dokumenten summiert sich das schnell.
  • Vektordatenbank: Hosting und Betrieb der Datenbank, in der Ihre Dokumente durchsuchbar abgelegt sind – plus Kosten, um neue Dokumente fortlaufend „einzubetten“.
  • Laufende Qualitätskontrolle (Evaluation): regelmäßiges Prüfen, ob die Antworten korrekt und aktuell sind. Halluzinationen und veraltete Inhalte müssen aktiv erkannt werden.
  • Pflege der Wissensbasis: Dokumente aktuell halten, Dubletten und Falsches entfernen – sonst sinkt die Antwortqualität schleichend.
  • Betrieb & Monitoring: Verfügbarkeit, Zugriffsrechte, Protokollierung, Updates und Support.

Beispiel: Der unterschätzte Dauerbetrieb

Ein Unternehmen baut in vier Wochen einen RAG-Wissensassistenten – der Aufbau ist günstig und schnell. Im laufenden Betrieb fallen jedoch monatlich Token-Kosten, Datenbank-Hosting und vor allem Zeit für die Qualitätskontrolle an. Ohne diese Pflege liefert das System nach einigen Monaten veraltete oder falsche Antworten. Faustregel: Rechnen Sie ein RAG-System über 12–24 Monate Betrieb durch, nicht nur die Einführung.

Typische Stolperfallen

  • Den Pflege- und Schulungsaufwand unterschätzen – Tools brauchen Betreuung.
  • Zu groß starten: ein konzernweites Projekt statt eines messbaren Pilots.
  • Erfolg nicht messen – ohne Vorher/Nachher bleibt der Nutzen Behauptung.
  • „Build“ aus Prestige, obwohl ein Standard-Tool gereicht hätte.

Das Wichtigste in Kürze

  • Für Standardaufgaben gilt: erst „Buy“ – schnell, günstig, wartungsarm.
  • Häufigster Mittelweg: Standardmodell mit eigenen Dokumenten anreichern (RAG).
  • ROI = Nutzen (Zeit, Fehler, Umsatz) gegenüber Aufwand (Lizenz, Einführung, Pflege).
  • TCO beachten: RAG verursacht laufende Kosten (Tokens, Vektordatenbank, Evaluation) – über 12–24 Monate rechnen.
  • Klein als Pilot starten, Wirkung messen, dann skalieren.

?Wissens-Check

Beantworten Sie die Fragen, um Ihr Verständnis zu prüfen. Sie erhalten sofort eine Rückmeldung.

Frage 1.Wann ist „Buy“ (ein Standard-Tool) typischerweise die richtige Wahl?

Frage 2.Was gehört in eine ROI-Betrachtung eines KI-Projekts?

Frage 3.Was beschreibt der Mittelweg „RAG“ (Retrieval-Augmented Generation)?

Frage 4.Welche laufenden Betriebskosten werden bei RAG-Systemen am häufigsten unterschätzt?

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